Sortieren war gestern

Sabine Friedel

Warum es bei Gemeinschaftsschulen nicht bloß um Schulstruktur geht, sondern um die Bildung der Zukunft, erklärt die sächsische Landtagsabgeordnete Sabine Friedel.

Seit einem guten Monat werden in ganz Sachsen Unterschriften gesammelt. „Länger gemeinsam lernen“ heißt die Forderung, die auch für die SPD ein Herzensanliegen ist. Vor zwölf Jahren haben die Sozialdemokraten als Regierungspartei die ersten Gemeinschaftsschulen in Sachsen eingeführt. Sie waren ein Erfolg bei Schülern, Eltern und Lehrern. Die Gründe dafür sind aktueller denn je.

Beim Thema Gemeinschaftsschulen geht es nicht einfach um eine Veränderung der Schulstruktur. Im Kern geht es um einen anderen Blick auf Schule und Bildung. Einen, den wir in unserer komplexen und digitalisierten Zukunft dringend brauchen. Das Geheimnis heißt: Vielfalt.

Die bisherige Schule versucht, Vielfalt zu reduzieren und Heterogenität zu beseitigen. Kinder werden entsprechend ihres Alters sortiert und eingeschult. Wer am Stichtag noch nicht „schulreif“ ist, verbringt ein Rückstellerjahr im Kindergarten. Nach der Grundschule wird erneut sortiert – in Oberschule und Gymnasium. Hübsch sortiert werden die Lerninhalte, nach Fächern und Klassenstufen. Und schließlich sortiert man mit Hilfe der Noten in Überflieger, Mittelmaß und Sitzenbleiber.

Auf einmal braucht es ganz andere Fähigkeiten: Beobachten und Auswerten, Vermuten und Prüfen, Überzeugen und Zweifeln, Reflektieren und Korrigieren.

Sortieren ist durchaus ein probater Weg, um mit Vielfalt umzugehen. Sortieren ermöglicht es, eine heterogene Menge in homogene Gruppen zu zerlegen. So lassen sich Lehrpläne konsequent umsetzen und der Unterricht effizient führen. Doch was die Arbeit der Lehrkräfte erleichtert, ist für die Bildung der Schüler langfristig von Nachteil. Denn sie werden in eine Welt entlassen, die immer vielfältiger, immer heterogener, immer komplexer wird. Im Arbeitsleben geht es nicht mehr um das Erlernen und Ausführen wiederholbarer Tätigkeiten. Die werden inzwischen von Maschinen gemacht. Stattdessen sind in Einzelprojekten Kreativität, Problemmanagement und Teamarbeit gefragt. Die in der Schulzeit trainierten Lernmechanismen, die auf „abhörbares“ Wissen in einzelnen Fächern zielen, helfen dabei wenig. Auf einmal braucht es ganz andere Fähigkeiten: Beobachten und Auswerten, Vermuten und Prüfen, Überzeugen und Zweifeln, Reflektieren und Korrigieren.

Und auch im Privatleben sind die Dinge anders geworden. Heute trifft man viele Entscheidungen selbst, die sich früher einfach „ergaben“: Studienfach und Berufswahl, Wohnort und Partnerschaft, Steuerklasse, Ernährungsweise, Altersvorsorge, Freizeitsport: Überall so viele Möglichkeiten. Wer darauf wartet, gesagt zu bekommen, was er tun soll, wartet vergebens.

Die Lebenswege sind nicht mehr „sortiert“ – man muss sie finden, und das in einer Welt, die sich immer wieder verändert.

Was hat all das mit der Gemeinschaftsschule zu tun? Die Gemeinschaftsschule geht die Dinge anders an. Sie akzeptiert Vielfalt. Heterogenität wird hier nicht wegsortiert. Sie wird zum Motor gemacht. Kinder sind unterschiedlich, Menschen sind unterschiedlich – und der erfolgversprechende Weg, mit dieser Vielfalt umzugehen, liegt darin, sie zu nutzen, anstatt sie zu reduzieren. Die Gemeinschaftsschule bietet die Struktur, in der Vielfalt mit den geeigneten Methoden zum Motor des gemeinsamen Lernens gemacht wird: Mit jahrgangs- und fächerübergreifendem Unterricht, mit Projektarbeit und Feedback, mit Binnendifferenzierung, Wochenplan und Lernwerkstatt. In einer solchen Schule steht der Lernplan des Kindes im Mittelpunkt (und nicht der Lehrplan des Lehrers): Was kann das Kind? Wo ist sein Ziel? Welche Fortschritte macht es? Die direkte Instruktion und das selbständige Lernen wechseln sich ab, statt Noten gibt es ausführlicheres Feedback, kurze Fachstunden werden durch längere Lernblöcke ersetzt. Die Wissenschaft zeigt uns schon lange, dass solche Schulen bessere Bildungserfolge erzielen und für höhere Sozialkompetenzen und mehr Lernmotivation sorgen.

Das Geheimnis der Bildung ist der Respekt vor dem Schüler

‚Das Geheimnis der Bildung ist der Respekt vor dem Schüler‘, sagt Ralph Waldo Emerson. Dieser Respekt beginnt damit, Kinder nicht zu sortieren, sondern die Fähigkeiten jedes einzelnen Kindes zum Ausgangspunkt seiner persönlichen Lernprozesse zu machen. Nur dann gelingt es, das Lernen zu lernen. Und in einer heterogenen und sich ständig verändernden Welt ist Lernfähigkeit die wichtigste Ressource für einen Menschen, um sowohl beruflich als auch privat gut zurechtzukommen und zufrieden zu leben.

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